Alevitentum

Alevitentum:

Unser Glaubenssystem geht weit über die Zeit vor der Entstehung der monotheistischen Religionen zurück. Ende des 19. Jahrhunderts wurden unsere Vorfahren,  die ursprünglich eigene Selbstbezeichnungen wie Kalenderi, Kızılbaş, Bektaşi, Hrufi, Işıkçı, Rafizi, Hakikatçı, Karmati, Siraç, Tahtacı, Çelebi, Abdal, Çepni etc. trugen, in der Absicht der Vereinheitlichung und als Balanceakt gegenüber der muslimischen Dominanz in Kleinasien und im Vorderen Orient unter dem Namen „Aleviten/alevitisch“ zusammengefasst.

Das Alevitentum ist ein u.a. auf Zaza, Kurdisch, Türkisch und Arabisch überliefertes Glaubenssystem, dessen Brauch sich nicht auf schriftlich festgehaltene, sondern auf mündliche Überlieferungen beruht. Aus diesem Grund wird das Alevitentum von vielen Aleviten verschieden aufgefasst. Daher ist die Aufbereitung der Entstehungsgeschichte des Alevitentums relativ komplex, sodass sich eine eindeutige Definition der Glaubenslehre schwierig gestalten lässt.

Bereits im 13. Jahrhundert predigte unser Geistlicher Hünkar Bektasch Veli: „Ein Weg ohne Wissenschaft führt in die Finsternis“.  Unsere Religionsgemeinschaft wurde in ihrem Heimatland Anatolien verfolgt und war Repressalien ausgesetzt. Viele Quellen wurden vernichtet oder manipuliert. Wenige Quellen überlebten, weil sie gut versteckt und aufbewahrt wurden. So wurden Glaubensinhalte u.a. oral tradiert. Erst in Europa und Österreich haben wir die Möglichkeit erhalten,  unseren Glauben frei auszuleben und uns zu entfalten. Hier brauchen wir unsere religiöse Identität nicht zu verstecken. Wir nennen uns hier die aleviten österreich.

Das Alevitentum ist eine eigenständige Glaubensrichtung, die trotz der Entstehung monotheistischer Religionen in Kleinasien, Mesopotamien und Naher Osten bis zum heutigen

Tag seine Authentizität bewahren konnte. Der Mensch als can (Dt. geschlechtsneutral, das Leben) steht im Zentrum des Alevitentums. Das Alevitentum definiert den Vervollkommnungsprozess zum Insan-ı Kamil (Dt. vollkommener Mensch), der im Endstadium die Einigung mit Hakk (Dt. Gott bzw. göttliche Wahrheit) zum Ziel hat.

Das Alevitentum ist eine Glaubensrichtung, die den Weg zum „vollkommenen Menschen“ definiert. Daher definieren wir unseren Glauben auch als yol (Dt. mystischer Pfad). Das Alevitentum glaubt an einen varoluş (Dt. Existenz). Das geschlechtsneutrale Hakk (varlık), das die Existenz definiert, schafft alles Existierende aus sich selbst und seiner eigenen Substanz. Die Aufgabe des Menschen ist es, die Natur mit der er eins ist (Vahdet-i Vücüt), mittels Vernunft und über einen Reifungsprozess (Tr. yol) über den Pfad der Dört Kapı Kırk Makam (Dt. Vier Tore und Vierzig Instanzen),zu erkennen. Das Alevitentum unterscheidet die Menschen nicht aufgrund ihrer Ethnie, ihrer Sprache, ihres Glaubensoder ihres Geschlechts. Außerdem ist das Alevitentum keine missionarische Glaubensauffassung und ist nicht bemüht, Andersgläubige zum Alevitentum zu bekehren. Das Alevitentum erkennt und respektiert alle existierenden Religionen und Glaubensgemeinschaften als gleichwertig und mit ein und demselben Auge (Tr. 72 Millete Bir Nazarda Bak).

Unser fortlaufender Weg zur rechtlichen Anerkennung

 

Unser Verein Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich („AABF“) ist der Dachverband der alevitischen Kulturvereine in Österreich. Erwurde am 06.02.1998 gegründet und ist im Zentralen Vereinsregister unter der ZVRZahl081181190 eingetragen. Der Dachverband wurde mit dem Ziel gegründet, die etwa 60.000 – 80.000 Menschen mit alevitischem Glauben in Österreich gesamthaft zu vertreten.Sowohl in Österreich als auch in anderen Ländern Europas lebt eine Alevitengemeinschaft, diedas Alevitentum wie die AABF versteht und praktiziert. Überall auf der Welt gibt es Menschen,die wie die AABF-Mitglieder das Versprechen abgelegt haben, nach den Werten und derWeltanschauung des Alevitentums (Türkisch „yol“, Englisch: „believe“) zu leben.Die AABF ist Gründungsmitglied der Alevitische Union Europa („AABK“). Die AABK ist derDachverband der Alevitischen Gemeinschaften in Europa, die im Jahre 2001 gegründet wurde.Auch die Statuten der AABK verstehen das Alevitentum als eigenständigen Glauben. Die AABKvertritt diesen Standpunkt seit jeher.

Am 09.04.2009 haben wir, die AABF, den Erwerb der Rechtspersönlichkeit als religiöse Bekenntnisgemeinschaft gemäß dem „Bundesgesetz über die Rechtspersönlichkeit von religiösen Bekenntnisgemeinschaften“ beantragt. Nachdem uns die belangte Behörde die „Anerkennung“ – rechtswidrig – verweigerthat, haben wir Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof erhoben und dort obsiegt. Auch im fortgesetzten Verfahren hat die belangte Behörde – neuerlich rechtswidrigerweise –die Voraussetzungen für eine Anerkennung verneint. Dagegen haben wir Beschwerde erhoben,über die das Bundesverwaltungsgericht mit Erkenntnis vom 11.03.2016entschieden und unsere Beschwerde abgewiesen hat. Dagegen haben wir Revision beimVerwaltungsgerichtshof erhoben. Der Verwaltungsgerichtshof hat das Erkenntnis desBundesverwaltungsgerichts wegen Unzuständigkeit aufgehoben. Unsere Beschwerde war sodann beim Verwaltungsgericht Wien anhängig. Im Verfahren vor dem VGW haben wir – nachdem das Verfahren schon knapp10 Jahre angedauert hat – unsere aktualisierten Statuten vorgelegt. Das VGW hat unserenAntrag auf Erwerb der Rechtspersönlichkeit gemäß BekGG abgewiesen; dies mit derBegründung, wir hätten unsere Statuten ausschließlich aus jenem Grund geändert, um uns vonden aktuellen Statuten der ALEVI zu unterscheiden, „um auf diese Weise eine Anerkennung zuerwirken”. Im Verfahren vor dem VGW mussten wir überdies mittelsFristsetzungsantrag an den Verwaltungsgerichtshof herantreten, um die knapp einjährigeUntätigkeit des VGW beenden zu lassen.Das Erkenntnis des VGW haben wir mittels Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof undmittels Revision beim Verwaltungsgerichtshof bekämpft. Die Behandlung unsererBeschwerdewurde vom Verfassungsgerichtshof   mit                    Beschluss vom 1.06.2019abgelehnt.

Der Verwaltungsgerichtshof hat unsere Revision mit Beschluss vom 28.05.2019 als unzulässig zurückgewiesen. Dies deshalb, weil nach Ansicht desVerwaltungsgerichtshofs keine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung vorlag.Es muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass seit unserem Antrag aufZuerkennung der Rechtspersönlichkeit gemäß BekGG das „Bundesgesetz über die äußerenRechtsverhältnisse islamischer Religionsgesellschaften“ (BGBl I 39/2015; „IslamG“) geändertwurde. Auf dieser Rechtsgrundlage wurde die – sich dem Islam zugehörig fühlende – IslamischAlevitische Glaubensgemeinschaft in Österreich als Religionsgesellschaft anerkannt

Dieösterreichischen Behörden behaupten, obwohl wir uns seit Jahren vehement dagegen wehren, dass auch wir eine islamische Religionsgemeinschaft wären und verweigert uns aus ebendiesem Grund die „Anerkennung“. Aufgrund dessen, dass nun der nationale Rechtsweg erschöpft ist, haben wir eine Individualbeschwerde beim Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) eingereicht.  Wir werden unseren langjährigen Weg nach Anerkennung so lange fortführen, bis wir Gerechtigkeit erlangen.

 

 

 

Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich

Die Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich (türkisch: Avusturya Alevi Birlikleri Federasyonu, Abk.: AABF) ist die einzige Dachorganisation der in Österreich lebenden Alevitinnen und Aleviten, die am 06.02.1998 mit Sitz in Wien offiziell gegründet wurde. Sie vertritt inzwischen bundesweit 15 Ortsgemeinden mit insgesamt mehr als 12.000 Familienmitgliedschaften.

Zu den originären Aufgabenfeldern der Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich gehören u.a.:

  • Revitalisierung des Alevitentums in Österreich und in der Türkei
  • Verschriftlichung und Veröffentlichung der alevitischen Lehre
  • Förderung des interreligiösen Dialogs und der interreligiösen Zusammenarbeit
  • Etablierung einer Gedenk- und Erinnerungskultur
  • Antidiskriminierung und Menschenrechtsbildung
  • Förderung und Bekräftigung einer demokratischen Bewusstseinsbildung
  • Professionalisierung & Qualifizierung          von      Einrichtungen und           Organisation    der Einwanderungsgesellschaft
  • Förderung des Dialogs und der Zusammenarbeit mit religiösen, kulturellen und ethnischen Gemeinschaften aus der Türkei in der deutschen und europäischen Diaspora
  • Sensibilisierungs-, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit
  • Integration der Aleviten in die österreichische Mehrheitsgesellschaft unter Bewahrung des Alevitentums (z. B. Organisation von Deutschkursen und beruflichen Fortbildungsmaßnahmen, Teilnahme an der Integrationsplattform und Mitarbeit am

Expertenbericht des Bundesministeriums für Inneres etc.)

Die Etablierung der alevitischen Glaubenslehre in Lehre und Forschung an österreichischen Universitäten sowie die Anerkennung der AABF als Körperschaft des öffentlichen Rechts sind die bedeutendsten Ziele auf der politischen Agenda des Verbandes.

Die AABF genießt als Vertreterin der in Österreich lebenden Aleviten sowohl im als auch im

Ausland als Mitglied der Alevitischen Union Europa (=europäischer Dachverband der alevitischen Organisationen in Europa) hohes Ansehen bzw. uneingeschränkte Anerkennung, womit die Legitimation der AABF als gesellschaftlich beglaubigte Vertreterin belegt wird. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Aleviten schon seit 1989 in Österreich vereinsmäßig organisiert und aktiv sind. Beispielsweise feiern 2012 der „Verein der Alevitischen Kulturgemeinschaft in St. Pölten“ sein 23., der „Alevitische Kulturverein in Vorarlberg“ sein 20. und der „Alevitische Kulturverein“ sein 18. Entstehungsjahr. All diese Vereine sind Zweigstellen der Föderation.

Des Weiteren ist erwähnenswert, dass unsere Jugendorganisation „Alevitische Jugend Österreich“ im März 2012 einstimmig als ordentlicher Mitglied bei der Bundesjugendvertretung aufgenommen wurde.

 

Handlungsfelder

Partizipation – Gleichbehandlung – Inklusion

Mit diesem Dreiklang stellt sich die Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich den Herausforderungen eines grundlegenden und weitreichenden Wandels hin zu einer inklusiven Gesellschaft in Österreich, die weit über „Integration“ im herkömmlichen Sinne geht. Inklusion ist nicht nur Ausdruck einer Vision von einer Gesellschaft, die es in Anerkennung der Gleichheit und Verschiedenheit der Menschen erst gar nicht zu Ausgrenzung kommen lässt, sondern ein Menschenrecht, das selbstverständlich für Alle gilt.

Erinnerung – Gedenken – Verantwortung

In Erinnerung an die Opfer der zum Teil staatlich organisierten und/oder geduldeten Verbrechen an Alevitinnen und Aleviten pflegt die Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich mit ihrem fortdauernden Engagement für die „Vergegenwärtigung des Vergangenen“ öffentlich das Andenken. Sie setzt ein Zeichen gegen das Vergessen, gegen die Relativierung und Verharmlosung von (staatlichen) Gewaltverbrechen, gegen das Fortbestehen rechter, nationalistischer und islamistischer Ideologien und Aktivitäten im Alltag und Gesellschaft.

Informieren – Handeln – Verändern

An der von internationalen Menschenrechtsorganisationen wie auch dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gleichermaßen verurteilten Staatspolitik der Türkei gegenüber religiösen und ethnischen Gemeinschaften hat sich bis heute nichts verändert. Die Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich engagiert sich für den Schutz von religiösen und ethnischen Gemeinschaften und wirbt politisch und in der Öffentlichkeit für deren Rechte.

Humanismus – Freiheit – Demokratie

Die Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich steht für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie. Sie verteidigt die Werte der Aufklärung und des Humanismus. Gegenseitige Achtung, Akzeptanz und Toleranz sind ebenso Grundlage des gemeinsamen Handelns wie die Achtung der Menschenrechte, die Unverletzlichkeit der Würde des Menschen und die Achtung des religiösen Bekenntnisses des jeweils Anderen.

 

AABF.pdf.