Alevitentum


Kurzdefinition

Alevitentum

Der Begriff „Alevi“ leitet sich vom Namen des Heiligen Ali, dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed ab und bedeutet demnach Anhänger Alis. Die Bezeichnung Aleviten wird als Sammelbezeichnung für die verschiedenen kulturell und geographisch bedingten Begriffe (Bektaschi/Bektaşi, Mevlevi, Kızılbaş, Tahtacı, Sıraç, Yörük, Çepni, Abdal, Nusayri) verwendet. Das Alevitentum ist ein eigenständiger und synkretistischer Glaube mit besonderen Bezügen zum Islam. In diesem Sinne geht der Ursprung des Alevitentums auf den von Mohammed und Ali begründeten Ur-Islam zurück.

Kultsprache

Die religiösen Zeremonien und Gottesdienste werden im Alevitentum in der jeweiligen Muttersprache (z. B. Türkisch, Kurdisch, Arabisch etc.) ihrer Mitglieder abgehalten.

(Quelle: §2 d. ARÖ-Statuten v. 04.09.2009, Seite 3)

Die religionswissenschaftliche Analyse

Um festzustellen, ob das Alevitentum eine eigenständige Religion ist oder nicht, soll vor allem im Vergleich mit dem sunnitisch-orthodoxen Islam geklärt werden, ob dessen zentralen religiösen Sachverhalte von den Aleviten mitgetragen werden. Weiterhinwerden neben den Sunniten auch die Schiiten und das Sufitum, also die islamische Mystik, mit in den Blick genommen.

Die Lehre der Aleviten ist heutzutage im wesentlichen identisch mit derjenigen der Bektaschis. Im Gegensatz zu der Geschlossenheit der orthodox-islamischen Glaubensgrundsätze gleichen alevitische Glaubensaussagen allerdings eher einem Patchwork oder einem Mosaik, aus dem einzelne Steinchen durchaus ausgewechselt werden können, ohne dass dasGesamtbild zerstört wird. Ein solches Steinchen ist beispielsweise die Lehre von der „Seelenwanderung“, an die heutzutage angeblich „nicht mehr viele Aleviten“ glauben; sie halten stattdessen an Jenseitsvorstellungen fest.

Dieses relativ diffuse Bild, das die Aussagen über den Glauben bieten, rührt vor allem daher, dass die Aleviten relativ mühelos stark voneinander abweichende lokale Traditionen und divergierende religiöse Lehren nebeneinander gelten lassen können, so dass die internen Lehrmeinungen durchaus auseinandergehen können. Positiv ausgedrückt lässt sich dieser Sachverhalt als außerordentliche Flexibilität der alevitischen Lehre kennzeichnen.53 Sie gelten den Aleviten intern sozusagen als Verschiedenheiten, die nicht trennen, sie aber von Sunniten wie Schiiten weitgehend unterscheiden.

Die wenigen heiligen Schriften und Legenden der Aleviten wurden in den „Buyruk“ („Gebot“) gesammelt und dem 6. Imam der Zwölferschia, Dscha’far as-Sadîq>, zugeordnet, wobei die Ordensregeln des Hacq Bekta<, die „Makalat“, integriert sind.54 Die Heiligenlegenden in den „„Velayetname“ sowie die Hymnen der türkischsprachigen, meist bektaschitischen Dichter und Sänger, die „„Nefes“, sind fester Bestandteil alevitischen religiösen und kulturellen Guts. Dieser Schriftenkorpus ist Sunniten wie Schiiten völlig fremd.

Der Koran gilt den Aleviten als nur eine ihrer heiligen Schriften. Im orthodoxen sunnitischen Islam hingegen ist der Koran Gottes authentisches, unverfälschtes und letztgültiges Wort. Wer auch nur ein wenig am Wortlaut rüttelt, ihn analysiert oder gar als Menschenwerk betrachtet, gilt als Häretiker. Nach meist vertretener alevitischer Auffassung sind aber bei der Redaktion unter dem dritten Kalifen Othmân über 400 Koran-Stellen unterschlagen, andere chronologisch durcheinander gebracht worden. Es besteht auch die Auffassung, dass der Koran zwar ursprünglich eine wirkliche Offenbarung war, aber nachträglich geändert worden ist, z.B. dahingehend, dass Ali bereits erwähnt und mit der Nachfolge Muhammads betraut worden sei.55 Der Koran liegt ihrer Meinung nach heute nur in dieser verderbten Version vor und kann deshalb lediglich als eine Quelle gelten, die wissenschaftlich weiter erschlossen werden muss. Allein schon wegen dieser unterschiedlichen Wertung des Koran kann es keine religiöse „Gemeinschaft“ von Aleviten mitSunniten geben.

Wichtiger noch als die heiligen Schriften war für die Aleviten stets ihre mündliche Tradition, wenn deren Quellen auch durch den politischen und religiösen Druck, heutzutage zunehmend auch durch Auflösung enger Familienkonnexe, Wegzug für den Broterwerb etc. bedroht sind. Die einst „mündliche Tradition“ (Sunna) der Sunniten und in – erweiterter Form – der Schiiten, die in den Hadith-Werken gesammelt worden ist und neben dem Koran die Hauptgrundlage der Scharia, des islamischen Rechts darstellt, lehnen die Aleviten vollständig ab.

Hinsichtlich des Gottesbildes ist festzustellen, dass im Glauben der orthodoxen Muslime Gott der absolute Gebieter über Himmel und Erde ist. In seiner großen Barmherzigkeit hat er den Menschen mit dem Koran die Wegweisung und die rechte Leitung in allen Fragen an die Hand gegeben. Der Mensch ist Gottes Knecht (`abd) und hat ihm bedingungslos zu gehorchen; dafür wird ihm ewiges Heil zuteil; für sein Fehlverhalten droht ihm die Hölle.

Die Aleviten hingegen betonen, dass sie Gott in ihren Herzen tragen, und sie versuchen, sich so zu entwickeln und zu verhalten, dass sie den göttlichen Eigenschaften möglichst nahe kommen. Das wird vielfach in ihren kalligraphischen Darstellungen vom „Vollkommenen Menschen“ sinnbildlich dargestellt. In jedem anderen Menschen begegnet dem Alevi Gott. Der Gott der Aleviten ist der „liebende Gott“. Gott wird beschrieben als „universales Bewußtsein, aus dem alle Existenzformen hervorgegangen sind“.56 Vergleichbare Aussagen finden wir im Sufitum, also in der islamischen Mystik. Bei der Schöpfung hat nach alevitischer Lehre Gott allen Lebewesen, Menschen und Tieren, eine Seele gegeben, die seine heilige Kraft in sich trägt. Ein derartiges Gottesbild ist Sunniten wie Schiiten völlig fremd.

Für das Menschenbild ist festzustellen, dass den Aleviten der Mensch als autonom und selbstbestimmt gilt. Seine „Erlösung“ erfolgt aus eigener Kraft. Alle Menschen haben gleichermaßen daran Anteil, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht; und sie haben die Möglichkeit, diese heilige Kraft, die nie verloren geht, wiederzuentdecken und sich zu Gott hin zu entwickeln. Der Mensch ist „das schönste, perfekteste, verantwortungsvollste Wesen“. Dieses Menschenbild ist dem der Sunniten wie auch der Schiiten absolut konträr.

Es ist eine offene Frage, inwieweit Jenseitsvorstellungen oder Seelenwanderung das Leben der Aleviten bestimmen. Die Antworten fallen jedenfalls unterschiedlich aus.

Die offiziöse Lehre der AABF besagt, dass es weder ein Paradies noch eine Hölle gibt. Nicht wie in der islamisch-orthodoxen Lehre ist das Streben deshalb darauf ausgerichtet, genaue Scharia-gemäße Verhaltensvorschriften zu befolgen, wie der Mensch sich zu verhalten hat, um das Paradies zu erlangen. Der Mensch hat in aller Freiheit die Möglichkeit, das Ziel umzusetzen, seine Seele zu reinigen und die heilige Kraft in sich zu entdecken. Deshalb ist bei den Aleviten das ganze Sinnen und Trachten auf das Diesseits ausgerichtet.

Die unsterbliche Seele des Menschen kann nach dem Tod auf ein Tier übergehen, wenn der Mensch zu Lebzeiten schlecht gehandelt hat. Beispielsweise wird der Seele des Tieres, das anlässlich eines Cem in einem regelrechten Zeremoniell geopfert und in der Gemeinschaft sogleich verzehrt wird, durch das Opfer zugleich die Möglichkeit gegeben, sich in der Weiterexistenz zu einer Menschen-Seele empor zu läutern.

Diese Gedanken des Alevitentums haben kaum etwas mit dem orthodoxen Islam sunnitischer wie auch schiitischer Prägung zu tun. Allenfalls gibt es eine Koranstelle, Sure 80:18-23, auf die sich vermutlich einer der derzeit renommiertesten türkischen Theologen und Dekan an der Istanbuler Universität, Yaşar Nuri Öztürk, bezieht, wenn er den Reinkarnationsgedanken auch für Sunniten nicht gänzlich ablehnt.57

Kernbestand sunnitischer und schiitischer Orthopraxie sind die „Fünf Säulen des Islam“, das Herzstück orthodox-muslimischer Glaubensorientierung:

  • Glaubensbekenntnis (shahâda),
  • Rituelles Gebet (salât)
  • Fasten im Monat Ramadan (saum)
  • Sozialabgabe (zakât)
  • Pilgerfahrt nach Mekka, so finanzierbar (hajj).

Die Aleviten lehnen diese „fünf Säulen“ fast ausnahmslos ab bzw. haben Äquivalente dafür, die vom orthodoxen Islam als „häretisch“ eingestuft werden.

Das Glaubensbekenntnis der Aleviten lautet: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Gott, dass Muhammad sein Prophet und Ali sein Freund/Heiliger/Stellvertreter (wâlî ist).“ Dabei handelt es sich um die auf Ali bezogene erweiterte schiitische Formel. Obwohl sie denselben Stellenwert haben soll „wie bei den Sunniten“,58 spielt sie tatsächlich im Alevitentum gar keine bis kaum eine Rolle.59

Das rituelle Gebet ist im Islam von zentraler Bedeutung. Ein Prophetenwort (hadîth) besagt: „Die Verpflichtung, die uns (die Muslime) von ihnen (den Ungläubigen) unterscheidet, ist das Gebet; wer es unterläßt, ist ungläubig.“60

Wie wichtig das fünfmal täglich zu verrichtende rituelle Gebet den islamischen Theologen war und ist, kann man beispielhaft der schiitischen deutschsprachigen Zeitschrift „al-Fadschr. Die Morgendämmerung“ entnehmen:

„Die (Rechts-)Schulen61 sind unterschiedlicher Ansicht in bezug auf eine Person, die die s.alât versäumt, sei es aus Trägheit oder aus Pflichtvergessenheit, obwohl sie von der Pflicht des Gebetes überzeugt ist. Die Schafiiten, Malikiten und Hanbaliten bemerken: diese Person soll getötet werden. Die Hanafiten stellen fest: sie soll solange eingesperrt werden, bis sie anfängt, die salat zu verrichten.“62

Der liberale türkische sunnitische Theologe Prof. Dr. Yaşar Nuri Öztürk erklärt: „Das Ritualgebet ist eine Bringschuld des Muslims und besteht aus kanonischen Pflichten.“63

Wenn die Aleviten sagen: „Arbeit ist Gebet“ und das rituelle Gebet ablehnen, so verstoßen sie damit gegen eines der wichtigsten Gebote des Islam. Ein anderer charakteristischer alevitischer Spruch besagt: „Mehr arbeiten und wenig beten ist besser als wenig arbeiten und mehr beten.“

Die eigenen Gebete der Aleviten (gülbenk, das „laut gesprochene Gebet“) sind frei von rituellem Tagesablauf, liegen für die Cem-Zeremonien im Wortlaut fest.

Die Gebetsrichtung der Aleviten ist nicht Mekka, sondern beim Gebet sitzen sie im Kreis und schauen einander an. Das entspricht ihrem Menschenbild.

Das Fasten im Monat Ramadan lehnen die Aleviten ab. Statt dessen praktizieren sie 10 oder auch mehr Tage hindurch das sogenannte Aschura-Fasten64 anläßlich der Ermordung von Muhammads Enkel Hussein am 10. Muharram 680 bei Kerbela. Dieses ist eine schiitische Sonderbestimmung, die nach Auffassung des orthodoxen Islam jedoch das Fasten im Monat Ramadan nicht ersetzt. Zusätzlich fasten die Aleviten auch zu Ehren des Hqzqr, ihres wichtigsten Heiligen, was dem orthodox-sunnitischen Islam fremd ist.

Die pflichtgemäße Sozialabgabe ist den Aleviten meines Wissens fremd. Allerdings gilt ihnen der humanitäre Einsatz für andere auch ohne das zakât-Gebot als religiöse Pflicht, freilich ohne die im Islam ansonsten dafür festgelegten Normen.65

Die Pilgerfahrt nach Mekka, um dessen kultisches Zentrum, die Kaaba, die Muslime kreisen, vollzieht der Alevit in seinem Herzen:

„Fremde haben die Kaaba.

Meine Kaaba ist der Mensch;

Sowohl Koran als auch der Erlöser

Ist der Mensch und die Menschheit selbst.“

Dass etliche Aleviten dennoch Pilgerfahrten nach Mekka durchführen, ist als rare Ausnahme zu konstatieren und wird von den AABF-Aleviten nicht akzeptiert.66

Nicht nur die Sunniten, auch die Schiiten bestehen auf der strengen Einhaltung dieser fünf Pflichten, wie schiitische moderne Aussagen unmissverständlich und uni sono belegen, auch wenn natürlich die Praxis sich anders darstellt: „Wer eine wâgib-Pflicht wie Salat, Zakat, Khums, Hagg und Sawm vernachlässigt, soll vom Hâkîm (also vom Richter) mit einer Strafe belegt werden, deren Höhe dieser als angemessen ansieht. Wenn er sich dieser Mahnung nicht fügt, soll er ein zweites Mal bestraft werden. Und wenn er nicht bereut, dann ein drittes Mal. Wenn er sich weiterhin auf diese Weise verhält, soll er beim vierten Mal getötet werden.“67

Zu den religiösen Pflichten für gesunde Männer gehört im Islam auch der Dschihad, der Glaubenskampf. Manche Theologen insbesondere unter den Sufis schränken den Dschihad auf den Kampf gegen die böse und verführerische Triebseele ein. Er ist allerdings auch legitim als Verteidigung des Islam bei Angriff oder Gefährdung des Islam. Der Kampf mit der Waffe ist jedenfalls unter bestimmten Umständen erlaubt als „gerechter Krieg“.68 Aus der Literatur der Aleviten ist mir keine Entsprechung dazu bekannt.

Die den Sunniten und Schiiten gemeinsamen religiösen Pflichten können die Aleviten sogar als „äußerliche Rituale“ gänzlich ablehnen:

„Der Rost glüht nicht von selbst, er glüht durchs Feuer.
Der Verstand sitzt im Kopf, nicht in der Krone.
Was immer du suchst, sollst du in dir selbst suchen/findest du in dir selbst:
Nicht in Jerusalem,69 nicht in Mekka oder auf der Pilgerfahrt.“

Im übrigen halten sich die Ähnlichkeiten alevitischer Glaubensorientierungen mit einigen Sonderheiten der orthodoxen Schî’a in engen Grenzen. Außer der Verehrung der blutsverwandten Nachfahren Muhammads, den Ahl al-Bait, die nach `Alî insbesondere dessen Sohn Husain, aber auch den weiteren Imamen der Zwölferschia zuteil wurde und den Trauerriten mitsamt dem zehntägigen Aschura-Fasten im Gedenken an Kerbela gibt es bei den Aleviten keine wesentlichen Gemeinsamkeiten mit schiitischen Glaubensvorstellungen.

Es ist somit eindeutig festzustellen, dass die Lehren der Aleviten – und zwar in allen ihren Ausformungen – mit den zentralen Lehren weder des orthodoxen sunnitischen Islam noch des orthodoxen schiitischen Islam übereinstimmen noch damit in Einklang zu bringen sind. Das betrifft sowohl das Gottes- und Menschenbild und die Vorstellung von der Existenzform nach dem Tode als auch die Auffassung vom Koran als Gottes Wort wie auch die Akzeptanz von deren Glaubenspraxis.

Religionswissenschaftlich stellt sich in diesem Zusammenhang noch die Frage, ob die Aleviten möglicherweise als Sufis zu betrachten sind.

Die Vorstellung eines verinnerlichten Islam, der erstarrte Riten überwindet, ist jedenfalls charakteristisch für das Sufitum (tasawwuf), und solcher Mystik fühlen sich auch ein Teil der Aleviten zugehörig. Eine Definition lautet: in Abgrenzung von der „caferitisch70zwölfer-schiitischen´ Konfession“ der iranischen und pakistanischen Scharia-treuen Prägung gibt es „auch `zwölferschiitische´ Konfessionslehren – wie z.B. das Anatolische Alevitentum –, die ihre theoretische Basis nicht nur auf die Scharia’ beziehen, sondern auch die Regeln und Lehren der orientalisch-islamischen Mystik miteinbeziehen.“71

Dass Sufis eine zweite, tiefere verborgene Bedeutung hinter dem nach außen hin erkennbaren Wortlaut des Koran entdecken, findet sich sowohl bei schiitischen Esoterikern als auch bei Sufis.

Bei den frühen Bektaschis finden sich Spuren der islamischen Richtung der Bâtinîyya. Der Einfluß der Buchstaben-Symbolik und -Spekulationen der Hurufiye, deren Begründer Fadlullah Asterabadi 1398 hingerichtet worden ist, auf die Geheimlehren der Bektaschiye ist unverkennbar. Einer der Hauptvertreter dieser Geheimlehre, Nesimi, gehört zu den von Aleviten besonders geschätzten Sufi-Dichtern.

Die heute von der führenden Strömung der Aleviten vertretene Ansicht gibt folgendes Zitat wieder: „Niemand hat das Recht, den Islam auf die fünf Säulen des Islam zu reduzieren und das Gütesiegel „wahrer Islam“ für deren Befolgung zu vergeben. Die Mystik ist ebenfalls innerhalb der islamischen Welt entstanden.“72

Die Lehre führt zur Überwindung der – sogar als menschenverachtend73 bezeichneten Scharia des orthodoxen Islam durch „innere Reinigung“, die sich in Stufen (den „vier Toren“, kapq) vollzieht. Sie sollen zur Erkenntnis Gottes führen und den „Vollkommenen Menschen“ entwickeln, der die Einheit mit Gott und dem Kosmos („wahdat al-wudschûd“) erfährt und dem sich die Geheimnisse des Kosmos, der Welt und des Dasein erschlossen haben. Auf diesen von Ibn al-`Arabî besonders herausgearbeiteten Grundprinzipien hat Hacq Bekta< seine Lehre aufgebaut; die ekstatischen Übungen sind als Wege zu verstehen, die zu dieser Gotteserfahrung führen.74 Dergleichen Praktiken sind im Sufitum durchaus üblich. Die islamische Mystik hat sehr viele, höchst unterschiedliche Blüten hervorgebracht: teils sind sie der Orthodoxie recht nahe wie z.B. der Orden der Nak

Sufis waren den Orthodoxen allerdings immer suspekt, und mancher Sufi hat seine Überzeugung, durch ekstatische Übungen, die in Trance übergehen können, eine Annäherung an Gott oder gar eine Verschmelzung mit Gott zu erreichen, mit dem Leben bezahlt.75

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die gegenwärtige Wiederbelebung der alevitischen Religion in hohem Maße auf die islamische Mystik und die Regeln des Bektaschiye-Ordens zurückgreift. Das Menschenbild der islamischen Mystiker ist jedoch nicht das eines autonomen Menschen, wenngleich das Streben, ein „Vollkommener Mensch“ zu werden, zu dem man sich – so im Glauben einiger Aleviten – im Zuge der Seelenwanderung entwickelt, wieder mystischem Gedankengut entspricht. Bei der Vorstellung vom vollkommenen Menschen sind Einflüsse von Ibn `Arabîs Lehre vom „Vollkommenen Menschen“(„al-insân al-kâmil), unverkennbar. Ibn `Arabî (gest. 1240) war ein berühmter pantheistischer Mystiker. Die Emanationslehre, die man sich in einem stufenweisen in elipsenförmigen Ablauf von Gott ausgehend und zu Gott zurückkehrend vorstellt, mitsamt der Vorstellung von einem präexistenten Muhammad findet sich auch bei Sufis wie Tustârî.76 Die Vorstellung von dem präexistenten Ali findet sich allerdings nur bei manchen schiitischen Gruppierungen und insbesondere bei den Aleviten.

Im Übrigen ist das Sufitum immer nur von Einzelnen oder von einer Ordensgruppe mit einem Scheich an der Spitze getragen worden. Bei den Aleviten aber handelt es sich um eine Religionsgemeinschaft, die zwar Gemeinsamkeiten mit der islamischen Mystik hat, selbst aber keine „Ordensgruppe“ ist, sondern eine „Glaubensgemeinschaft“ mit ganz eigener Prägung.

Zu dieser besonderen Prägung der alevitischen Glaubensgemeinschaft, durch die sie sich sowohl von den Sunniten als auch von den Schiiten unterscheidet, sie aber in die Nähe der Sufis rückt, gehören noch weitere Eigenheiten, auf die im folgenden einzugehen ist, zunächst ihre Verehrung von Heilsgestalten.

Bei der Heiligenverehrung nimmt Hacq Bekta< als „Veli“, („Heiliger“) eine besondere Stellung ein. Seine silsile (Traditionskette) wird bis zum Propheten Muhammad zurückgeführt.

Der Prophet Muhammad tritt in Heiligenlegenden auf. Außerdem wird er in engster Verbindung mit Ali als Muhammad-Ali oder Ali-Muhammad gesehen und als „eine Person gedacht“77.

Die Heilsgestalt Ali, der „Schah der Gläubigen“, steht im Zentrum ihrer Lehre, und in ihren Kultstätten prangt sein Bild wie von einem Heiligenschein umgeben. Die Verehrung Alis kann göttliche Züge annehmen, ja es kann sogar eine Art Gleichsetzung von Gott und Ali erfolgen; denn er ist „mit Gott Gott“78. Die Trinität Gott, Muhammad und Ali wird so verstanden, dass Gott oder die göttliche Lichtsubstanz sowohl Muhammad als Manifestation der äußeren und Ali als Manifestation der inneren Wahrheit aus sich herausgesetzt hat und zwar beide als präexistente Lichtsubstanzen. Religionsgeschichtliche Einflüsse der Gnosis sind hier unverkennbar.79

Symbolisiert wird die untrennbare Einheit von Muhammad und Ali insbesondere durch die Zusammenfügung beider Namen, z.B. bei Anrufen während der Cem-Zeremonien: „Komm zu Hilfe Ali-Muhammad!“80 oder in umgekehrter Reihenfolge: „Muhammad-Ali möge Fürbitte einlegen“.81 Diese Vorstellung wird auch veranschaulicht durch das Bild vom Muhammad-Ali-Pfad, wobei dem Propheten Muhammad die äußere Erkenntnis, aber die innere, verborgene Erkenntnis aber allein Ali möglich ist.

Dieses Geheimwissen Alis ist auf die „Dede“ (Pl. „Dedeler“) übergegangen und wird innerhalb der heiligen Dede-Familien (ocak) von Generation zu Generation weitergegeben.

Es gibt aber auch Aleviten, die in Ali nur den „Prototypen“ einer „vernünftigen und reifen Person“82 sehen.

Weitere Besoonderheiten der Aleviten im Vergleich mit den Sunniten und den Schiiten sind ihre Kultstätten und ihre Kultpraxis.

Aleviten haben keine Moscheen, sondern eigene Kulthäuser (cem evi, im Plural: cem evleri). Die Kulthäuser der Aleviten benötigen allein schon deshalb kein Minarett für den Gebetsruf, weil sie diesem gar nicht folgen würden.

Die Innenausstattung der Cem-Häuser entspricht auch nicht derjenigen der Moscheen. Es gibt z.B. keine Gebetsnische, die in Richtung Mekka weist. Jedoch findet man in ihrem mit Teppichen ausgestatteten, großen Versammlungsraum ein Kultbereich mit Bildern von Ali mit einer Gloriole und Hacq Bekta< mit einem Löwen und einer Gazelle/Reh sowie Kalligraphien vom Vollkommenen Menschen, von Alis Kopf oder seinem Schwert namens „Zülfikar“, auch mit seinem Löwen sowie anderen Symbolen oder auch Tafeln mit Gedichten und Aussprüchen insbesondere von Haci Bektas.

Die Raumaufteilung ist genau festgelegt. Insbesondere befindet sich vor dem Altar-artigen Teil ein freier Mittelraum, der „Galgen“ (dâr) genannt wird und an die Hinrichtung des Mystikers al-Hallâdsch erinnern soll. Im übrigen sitzen Männer und Frauen, zwar nach Geschlechtern getrennt, aber im gleichen Raum, sogar beim Gebet, zu dem sie sich nicht auf den Boden knien und niederwerfen.

Die Kult-Sprache der Aleviten ist nicht das Arabische, das im sunnitisch- und im schiitisch-orthodoxen Islam unverzichtbar ist, sondern das Türkische.

Die Riten der Aleviten sind in keinerlei Hinsicht dem Freitagsgebet des sunnitischen oder schiitischen Islam mit Predigt und Koran-Rezitationen vergleichbar.

Die zwölfteilige Cem-Zeremonie („ayinicem“, „ayin-i cem“) beinhaltet als eine der zwölf Pflichten in der Cem-Veranstaltung den „Semah“, den religiösen Tanz. Mit ihren rituellen Tänzen, die zur Ekstase führen können, haben sie aber gewisse Gemeinsamkeit mit Sufi-Orden. Allerdings tanzen Männer und Frauen miteinander, ohne einander zu berühren. Im übrigen gibt es verschiedene Cem-Zeremonien, die aus unterschiedlichen Anlässen vollzogen werden, aber hier nicht im Einzelnen aufgeführt werden sollen.

Ein wichtiger Teil der Kulthandlungen besteht darin, Konflikte innerhalb der Gemeinde durch den Dede auszuräumen. Gemeinschaften, die lange isoliert leben, sind in besonderer Weise auf den Zusammenhalt ihrer Mitglieder angewiesen. Das Schuldbekenntnis und die Buße spielen deshalb eine sehr große Rolle und bereinigen das Verhältnis, im Ernstfall durch auferlegte Strafen und Tieropfer, z.B. bei über dreijähriger Abwesenheit von einem derartigen „Görgü Cem“.

Das Gemeinschaftsmahl wird nach einem bestimmten Ritual durchgeführt und dient auch der Festigung des Gemeinschaftsgefühls. Das Fleisch des vom Dede gesegneten, frisch geschlachteten Opfertiers wird gemeinsam verzehrt.

Bei allen diesen religiösen Ritualen und Tänzen (semah) sind Frauen voll miteinbezogen.

Die Cem-Feierlichkeiten werden hierzulande so regelmäßig – wie es nur eben geht – durchgeführt, oft mit sehr großer Beteiligung. Die Sommerzeit wird weitgehend ausgespart.

Musik und Dichtung spielen auch außerhalb der religiösen Zeremonien eine zentrale Rolle.83 Dies erregt oft den Verdacht, dass es sich um kulturelle Veranstaltungen handeln könnte. Doch werden „Festival“ und „Cem“ klar von einander getrennt.

Ihre religiösen Feste feiern Aleviten teilweise zur gleichen Zeit wie die Sunniten und Schiiten das Opferfest eingedenk der Opferbereitschaft Abrahams, der seinen Sohn dahingegeben hätte, wenn Gott dies gewollt hätte,84 allerdings meist ohne die Pilgerfahrt. Mit den Schiiten teilen sie ihre Trauer über Hüseyins (Husains) Tod bei Kerbela am 10. Muharram mit 10- oder 12tägigem Fasten sowie die Feier des 21. März als Alis Geburtstag.85 Dieser Tag gilt im persischen Kalender zugleich als Frühlingsanfang und wird von den Kurden auch als „Tag der Befreiung“ gefeiert.

In der Hierarchie der Sufi-Heiligen steht Hqzqr ganz obenan; allerdings gibt es auch Rückkoppelungen zum Frühlingsfest der vorislamischen Türken. Sein Fest wird am 6. Mai, dem Hqdrellez-Tag, zum Sommeranfang gefeiert. Dazu kommen die jährliche Feier für Hacq Bekta< in der Kleinstadt Hacqbekta< vom 16. bis 18. August sowie Festivals für die Sufis Abdal Musa und Pir Sultan Abdal in Sivas u.a. Diese religiösen Feste richten sich allesamt nach dem persischen Kalender und haben deshalb feststehende Monatstage.

Das islamische Fest des Fastenbrechens, der Zucker-Bayram, entfällt, weil das Fasten im Ramadan von Aleviten nicht praktiziert wird.

Tieropfer finden statt, auch zu dem Gedenktag an die Opferbereitschaft Abrahams, der zeitgleich mit den orthodoxen Muslimen als „Opferfest“ begangen wird. Die Arten und Anlässe von Tieropfer, z. B. als Sühneopfer, und des Umgangs mit dem Blut als eigentlichem Opfer sowie mit dem Fleisch sind unterschiedlich, aber entsprechende Riten unerlässlich.86

Die Tiere müssen zwar nicht, können aber je nach Glaubensvorstellung des Einzelnen betäubungslos geschächtet werden.87

Die Religionsexperten der Aleviten sind die „Dede“ (Plural: „Dedeler“ bzw. „Baba“; andere Bezeichnungen sind „Pir“ und „Rehber“). Sie müssen der Familie des Propheten Muhammad, den ahl al-bait, türkisch „ehli beyt“, entstammen.88 Traditionsträger und Träger des Geheimwissens sind die sogenannten heiligen Familien „ocak“.89 Die diesen „heiligen Familien“ entstammenden „dede“, führen ihre Abstammung auf einen der zwölf schiitischen Imame zurück, üblicherweise auf den 6. Imam.

Ihre Rituale werden den in Deutschland lebenden Aleviten von deren „Dede“ bzw. „Baba“ als deren geistlichen Führern beigebracht. Der Frau des Dede (Ana) kommt eine besondere Rolle im Zusammenhang mit alevitischen Frauen zu. Dede und Baba sind im Geistlichenrat der AABF organisiert.

Eine Besonderheit der Aleviten ist die sogenannte Musahiplik, die „Wahlverwandtschaft“oder „Weg-Geschwisterschaft“. Der religiöse, in einer besonderen Cem-Veranstal-tung vom Dede gestiftete Bund zwischen jeweils zwei nicht miteinander blutsverwandten Ehepaaren stellt eine rituelle Wahlverwandtschaft dar, die über die Blutsbande hinaus geht und ein Leben lang hält. Dabei hat einer für den anderen in guten wie in schlechten Zeiten einzustehen. Schulden werden gemeinsam getragen, und auch das Sündenkonto bei Gott – wie auch die positiven Bilanzen guter Taten – werden gemeinsam verrechnet. Das Heiratsverbot gilt für die nachkommenden sieben Generationen. Dieses Ritual war zwar immer mehr in den Hintergrund getreten, wird aber von den Aleviten allmählich wiederbelebt.

Dieser Musahiplik Vergleichbares gibt es ansonsten im gesamten Islam nicht. Im Islam jeglicher Couleur ist jeder Mensch nur für seine eigenen Taten verantwortlich und kann unmöglich die Mitschuld oder den persönlichen Verdienst anderer teilen.

Das kurze Begräbnis-Zeremoniell, das im sonstigen Islam unmittelbar mit der Moschee verbunden ist, steht, ist mit dem Ritual der Aleviten nicht vereinbar, insbesondere wegen des Brauchs, an der Totenbahre die letzten finanziellen oder auch immateriellen Probleme zu lösen. Deshalb wünschen Aleviten eigene Friedhöfe bzw. die Möglichkeit, ihre eigenen Bestattungsriten praktizieren zu können. In Berlin und in Köln stehen ihnen bereits eigene Grabfelder zur Verfügung. In einem Cem-Haus in Berlin gibt es auch einen eigenen Raum, in dem die Vorbereitungen für das Begräbnis getroffen und das Gebet gesprochen werden können, bevor der Verstorbene zum Friedhof getragen wird. Sowohl bei dem Gebet als auch bei dem Begräbnis selbst sind Frauen zugegen, was im sonstigen Islam streng verpönt ist.

Weitere Besonderheiten der Aleviten sind aus den Stammesreligionen insbesondere der Turkmenen und der Yürüken übernommene religiöse Elemente wie die Achtung vor dem heiligen Wasser oder die Verehrung heiliger Berge, heiliger Bäume und Wälder oder auch heiliger Säulen. Dazu kommt die Verehrung der Gestirne, die sich bis zu Anbetung steigern kann. Positiv treten einige Tiere hervor, als wichtigstes das alttürkische, uighurische Totemtier, nämlich der Wolf. Es gibt auch Unglück bringende Tiere. Der Genuss von Schweinefleisch ist nicht – wie im orthodoxen Islam – ausdrücklich verboten; doch hat das kulturelle Umfeld auch zu einem Ekel vor Schweinefleisch geführt, weshalb man gelegentlich den Satz hört: „Es schmeckt nicht“. Fleisch vom Hasen, der als Tabutier gilt, darf allerdings nicht verzehrt werden.

Türschwellen sind in verschiedenen Religionen Tabuzonen, grenzen sie doch den sakralen Raum von dem Profanen ab. Das Betreten von Türschwellen ist den Aleviten verboten, denn – so die Umdeutung im Alevitentum90 – einer der 12 Imame soll der Legende nach auf einer Türschwelle ermordet worden sein.

Männer und Frauen sind bei den Aleviten nominell gleichberechtigt.91 Die Monogamie ist die einzige bei ihnen zulässige Eheform, während im sonstigen Islam Mehrehen praktiziert werden dürfen.

Bozturk definiert die Stellung der Frau bei den Aleviten als „eine Stufe besser als im sunnitischen Islam“92. Patriarchalische Familienstrukturen sind dennoch vorherrschend.93 Die hiesigen Vereinsvorstände setzen sich überwiegend, fast ausschließlich aus Männern zusammen. Immerhin ist zu vermerken, dass mit Gülümser Kele< eine Frau Stellvertretende Generalsekretärin der AABF ist. Tatsächlich wachsen alevitische Frauen oft freier auf als im sonstigen Islam üblich; allerdings hängt dies auch von den lokalen Traditionen und von der sozialen Schicht ab, aus der sie kommen. Auch tragen alevitische Frauen kein Kopftuch, es sei denn, einige ältere Frauen tragen es traditionsbedingt.94

Die Aleviten sind traditionell endogam. Ehen konnten nur untereinander geschlossen werden, weder mit Sunniten noch mit Schiiten oder anderen, ein Prinzip, das sich außerhalb dörflicher Begrenzungen und in der Diaspora allerdings schwerlich durchhalten lässt, so dass es mehr und mehr auch zur – selten erwünschten – Heirat mit Nicht-Aleviten kommt.

Erst in jüngster Zeit ist es möglich, als Außenstehender oder Außenstehende in die alevitische Gemeinde aufgenommen zu werden, vor allem im Falle der Einheirat.

An die Stelle weitgehend autonomer Gerichtsbarkeit der Aleviten in früheren Zeiten ist heutzutage in der Türkei die staatliche Gerichtsbarkeit getreten. Vergehen gegen die Gemeinschaft werden aber weiterhin intern geahndet, schlimmstenfalls mit dem Ausschluss, der als eine Art „Exkommunikation“ beschrieben wird. Diese kann z.B. im Falle von Ehebruch erfolgen. In akuten Notlagen hat der Dede für Abhilfe zu sorgen.

Der wichtigste ethische Grundsatz der Aleviten, der für sie eine Art Lebens-Maxime der Aleviten darstellt, lautet: „Eline, diline, beline sahip ol!“, „Hüte deine Hände, deine Zunge und deine Lenden!“. Das meint, man darf sich nicht an fremder Habe vergreifen, darf nicht lügen und muss den Geschlechtstrieb beherrschen. Unter „Beherrschung der Zunge“ ist auch das Bewahren von Geheimwissen zu verstehen. Bei den zentralen Zeremonien wird ein Eid auf diese Formel abgelegt.

Die Aleviten werden nicht müde, ihr Verhältnis auch zu Nicht-Aleviten auf folgender ethischer Grundlage zu definieren: Humanismus, Toleranz und Liberalität, Nächstenliebe, Gleichheit aller Menschen gleich welchen Geschlechts, welcher Religion, welcher Rasse und welcher sozialen Schicht sie angehören. Einer nicht-repräsentativen, doch sehr bemerkenswerten Enquete zufolge setzten die Aleviten bei einer Frage nach der Werteskala die „Gerechtigkeit“ an die Spitze der wichtigsten religiösen Werte.

Was die politische Einstellung der Aleviten anbetrifft, so haben sie in der Türkei ein Manifest herausgegeben, das „Alevilik Bildirgesi“.95 Dieses Manifest charakterisiert die Aleviten als einen friedliebenden, säkular eingestellten Zweig des Islam, der von dessen sunnitischem Zweig – repräsentiert durch die Oberste Religionsbehörde in Ankara – ignoriert, ja verleugnet werde. Als Garanten des laizistischen Staates forderten sie, dass diese Instanz auch die Interessen der Aleviten, z.B. Berücksichtigung des Alevitentums in den Curricula der Schulen, wahrnehmen solle.

Entgegen den klassischen islamischen Gruppierungen, die eine Reaktivierung des Islam in der Türkei betreiben, setzen sich die Aleviten in ihren Schriften eindeutig für das Prinzip der Säkularisierung und für demokratische Prinzipien ein. In den 70iger Jahren traten sie sogar politisch – wenn auch letztendlich erfolglos – im Zusammenhang mit der 1966 gegründeten Türkiye Birlik Partisi hervor. Schließlich bekennen sie sich eindeutig und ohne Abstriche zu den universalen Menschenrechten, die in den „Islamischen Menschenrechten“ der Scharia untergeordnet werden.

Bewertung

Streng nach religionswissenschaftlichen Kriterien beurteilt wäre das Alevitentum am ehesten als eine eigenständige synkretistische Religion mit besonderen Bezügen zum Islam zu bewerten. Da aber die heutigen Aleviten sich selbst mehrheitlich als Muslime verstehen und sowohl der türkische Staat als auch die Weltmuslimliga die Aleviten als Muslime gelten lassen, kann ein wissenschaftliches Gutachten sie nicht aus dem Islam ausgrenzen, sondern muss sie als eine eigenständige Größe innerhalb des Islam bezeichnen.